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9.9.2010

Psalm 103



Von David.

Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler. Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun. Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun. Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.

Lobet den HERRN,
ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!
Lobet den HERRN,
alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!
Lobet den HERRN,
alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

(Luther-Übersetzung 1984)

 

Stunde der Besinnung 2010



Barmherzig und gnädig,
geduldig und von großer Güte
Von der Nähe und der Weite der Gnade

Bibelarbeit zu Psalm 103

 

Viele von uns führen Selbstgespräche, wenn sie versuchen etwas klarer zu sehen. Meist sprechen wir unbeobachtet mit uns, etwa morgens vor dem Spiegel: „Was siehst du aber wieder zerknittert aus!“ Wir selbst sind es, die uns herunterziehen. – Ps 103 fängt anders an: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist seinen heiligen Namen, lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (V 1 – 2) – ein ermutigender Selbstaufruf

Aber wie spricht man die eigene Seele an? Das Problem ist: viele Menschen haben vergessen, dass sie für ihre Seele sorgen müssen. Sie spüren die Folgen eines seelenlosen Lebens, kennen aber nicht die Ursache. Sie suchen nach Ablenkung, nach Reizen, nach Substanz, aber sie begnügen sich mit Ersatzstoffen, Surrogaten für Gott. Das Leben bleibt fade, weil es im Vordergründigen bleibt. Man kann sich darin sehr gut einrichten und gar nichts vermissen: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit“ sagt Marie von Ebner-Eschenbach[1]

Ein Mann erlebt wie aufmerksam und liebevoll sein Freund seine Ehefrau behandelte. Als er das Haus betritt, fragt er sofort, wie ihr Tag gewesen war. Dann sagt er, wie gut sie aussieht. Nach dem Essen macht er ihr Komplimente und bedankt sich für das herrliche Essen. Als die beiden Freunde allein sind, fragte der Besucher: „Warum sagst du dauernd soviel positive Dinge?“ - "Weil sie es verdient und weil es unserer Ehe gut tut", antwortet der Gastgeber. Beeindruckt beschließt der Freund, das auch auszuprobieren. Als er nach Hause kommt, umarmt er seine Frau: "Schatz, du siehst einfach umwerfend aus!" Und dann setzt er noch einen drauf und sagt: "Ich bin der glücklichste Mann auf der Welt." Seine Frau bricht darauf in Tränen aus. Völlig verwirrt will der Ehemann wissen, was los ist. Darauf schluchzt sie: "Was für ein Tag! Unser Sohn prügelt sich in der Schule, heute Nachmittag geht die Waschmaschine kaputt und dann kommst du auch noch betrunken nach Hause!"

Nichts Gutes erwarten? Unsere Seele braucht Erinnerung: sie wird von vielen Seiten bedrängt, Gott gerät in den Hintergrund. Seele ist der biblische Fachausdruck für unser Leben vor Gott, für unsere Innenseite: Wir sind Seele, sind auf Gott hin geschaffen, ohne ihn vertrocknen wir wie eine Pflanze, die kein Wasser hat. Erinnerung an Gottes Güte beendet selbst verschuldete Gnadenlosigkeit. Das Hebräische benutzt ein Wort – barach – für Segnen als Gottes Werk und für Loben als des Menschen Echo. „Lob ist also eine Art Zurückstrahlen des Segens“[2], ist keine Pflicht, sondern etwas von Gott Ausgelöstes.

Lob Gottes öffnet Türen für die Gnade: Ohne diese Erinnerung bleibt unsere Seele einsam und dürr. Ignatius v Loyola sagt: "Wir ahnen nicht, was Gott aus uns machen würde, wenn wir mehr auf seine Gnade eingehen würden". Das ist die Wette, zu der Psalm 103 einlädt: Lass dich überraschen, was Gottes Gnade aus uns machen kann. Vier Schritte aus der Nähe der Gnade in die Weite der Gnade, ohne dass Gottes Nähe verloren geh

1. Die Nähe der Gnade

Eine junge verwöhnte Ehefrau hat sich leicht erkältet und geht zum Arzt. Der Arzt sagt zu ihr: „Wissen Sie, Ihnen fehlt gar nichts! Ziehen Sie sich etwas wärmer an und gehen Sie mehr an die frische Luft!" Zuhause angekommen fragt Mann seine Frau: „Na, was hat er dir denn verordnet?" - „Nicht viel", entgegnet sie, „nur eine Reise in den Süden, Spanien oder Italien und einen Pelzmantel!"

Egoismus ist nicht sehr beliebt. Wer immer erst an sich denkt, bekommt zuletzt einen schlechten Ruf. Es gibt aber auch das Missverständnis der falschen Selbstlosigkeit: wer ständig nur an andere denken soll, kann eine kalte Atmosphäre der Freudlosigkeit um sich verbreiten. Er kann andere unter Druck setzen, weil sie auch nicht gut für sich zu sorgen wagen. Der jüdische Rabbi Jizchak Eisik sagte: „Die Losung des Lebens ist: Gib und nimm. Jeder Mensch soll ein Spender und Empfänger sein. Wer nicht beides in einem ist, der ist ein unfruchtbarer Baum”[3]. Wer nur nimmt, lässt andere verkümmern. Wer nur gibt, wird selbst verkümmern. Deshalb erinnert uns Psalm 103 zuerst daran, wovon wir selbst leben:  

„der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.“ (V 3- 5)

Gottes Gnade vergibt, heilt, erlöst? Ich bin mit fünf Freunden auf einer gemeinsamen geistlichen Reise zu Gott. Einer von ihnen sagt: „Ich möchte mich nicht schlecht fühlen müssen, um zu Gott zu kommen“. Er empfindet „Gnade“ als niederdrückend: Eigentlich verdienst du es nicht, aber wenn du dich erniedrigst, drückt Gott ein Auge zu. – Was für ein Missverständnis. Gnade antwortet auf die drei großen Miesmacher unseres Lebens , auf Schuld, Krankheit und Tod mit den drei großen Wohltaten Gottes, mit Erbarmen, mit Freude und mit Erneuerung der Kraft. Gnade macht nicht klein, sondern groß: Sie krönt uns zu Königen der Gnade, zu Königinnen der Barmherzigkeit. Übersetzen Sie Gnade einfach mit „Freundlichkeit“ Gottes[4].

Haben Sie mal in einer Vogelwarte erlebt, wie Adler auffliegen? Da ist nichts von Kleinheit oder Duckerei. Der Adlerflug ist schiere Kraft, ist Überwindung der Schwerkraft. Gnade macht stark, sagt Jesaja: Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler (Jes 40, 31). Es ist eine wunderbare Erfahrung, wenn unser Herz fest wird, sagt der Hebräerbrief – und das geschieht durch Gnade(Hb 13,9). Die Gnade heilt die Seele, schafft ein befreites Ich, formt eine starke Persönlichkeit.

2. Die Gemeinschaft der Gnade

Nun ist das mit der Erinnerung manchmal nicht so leicht. Sie sind vielleicht traurig hierhin gekommen und sagen: „Alles ist weg. Ich stecke im Tal und kann nicht heraus.“ Psalm 103 lockt uns weiter, vom kleinen Ich zum gemeinsamen Lob der versammelten Gemeinde.

Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden. Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun. Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.(V 6 – 13)

Ein Pfarrer trifft einen Nachbarn auf der Straße. „Nichts für ungut, dass ich nicht zur Kirche komme, aber da sind mir zu viele Heuchler.” Der Pfarrer antwortet freundlich: „Für einen mehr wäre schon noch Platz”. - Die Gemeinschaft der Heiligen ist kein Fitnessstudio für Fehlerlose, sondern ein Treffpunkt der Bettler und Bedürftigen. Wir haben die anderen nötig wie sie uns – sie tragen uns, wenn wir selbst uns fallen lassen. Sie erinnern uns, wenn wir Gott zu vergessen drohen.

Gottes Wesen erfasst kein einzelner Mensch, auch nicht viele zusammen, aber Gott ist präsent über dem Lob der versammelten Gemeinde. Der Leidenspsalm Jesu sagt: „Du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels“ (Ps 22,4). Eine lobende Gemeinschaft erinnert sich an Gottes große Taten, an seine Geschichte mit Israel, an Mose und all das Handeln Gottes in der Geschichte.

Es klingt paradox, aber ohne diesen Blick zurück gibt es keine Zukunft. „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“[5] sagt der Talmud. Wir erinnern uns deshalb an Gottes Taten, damit wir sie erneut und zu unserem Besten erwarten. Der Philosoph Kierkegaard hat dafür das Bild der Ruderer: „Wer ein Boot rudert, kehrt dem Ziel, dem er sich doch entgegenarbeitet, den Rücken zu.“[6]

Deshalb sind wir Christen auf die gemeinsame Erinnerung an Gott angewiesen: Sie öffnet uns unsere Zukunft. Wir brauchen den Blick zurück nach vorn. Beim Abendmahl z. B. erinnern wir uns an den Tod des Herrn, bis er kommt.[7] Die Bibel ist gesammelte Erinnerung an Gottes Taten: Wir schützen uns damit gegen Apathie und Resignation, wehren uns gegen die Gewöhnung an Sünde und Ungerechtigkeit, kämpfen gegen Unschuldswahn und Heuchelei. Fulbert Steffensky sagt „Wenn die Kirche die Bibel liest, ist sie nicht nur getröstet und erbaut. Sie muss es auch wagen, das Buch gegen sich selber zu lesen. Sie muss es wagen, sich in Widersprüche verwickeln zu lassen“[8].

"Das ist das Geheimnis der Gnade: es ist nie zu spät"[9]. Ps 103 erinnert uns: Gott ist kein Prozesshansel, trägt nicht ewig nach. Das ist unfassbar groß, öffnet die Weite der Gnade über uns wie den Sommerhimmel, trennt uns so uneinholbar von Schuld und Versagen wie den Morgen vom Abend. Ps 103 erinnert an seine Barmherzigkeit: Darin steckt das hebr. Wort für Mutterschoß, für den Ort, wo neues, noch sehr verletzliches Leben wachsen kann. Erbarmen meint nicht Mitleid, sondern Mitfühlen, Mitfreuen, ein Bewahren Gottes, das uns ins Leben hilft[10].

Gottes Freundlichkeit erreicht die, die ihn fürchten, denen er überhaupt etwas bedeutet. Sie haben ihn als Gott kennengelernt, dessen Ansprüchen sie nicht mehr vergeblich hinterherlaufen, sondern bei dem sie bleiben dürfen: wie bei einer mitfühlenden Mutter, wie bei einem ins Leben begleitenden Vater. Gemeinde ist die Gemeinschaft der zur Freiheit Begnadigten.

3. Die Solidarität der Gnade

Wieder wird der Kreis weiter: Von der Gemeinschaft der Heiligen geht es zur Solidarität der vergänglichen Menschen.

Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, daß wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, daß sie danach tun. (V 14 – 18)

Vergänglichkeit teilen alle Menschen. Mit Paulus gesagt: Der Psalm will uns in das tiefe Seufzen der Schöpfung über ihre Vergänglichkeit verwickeln (Rö 8, 18-22). Teilen wir eigentlich dieses Leiden? Gibt es Punkte, wo wir die tiefe Hinfälligkeit, die unlösbaren Probleme der Menschheit an uns heranlassen? Haben wir einen Ort der Solidarität mit einer seufzenden Welt?

Es gibt eine tiefe Sehnsucht nach Gnade in der Welt und manche Künstler können sie besonders ausdrücken. „Kunstschaffende“ sagt Nick Baines, der Bischof von Croydon, „beleuchten dunkle Ecken und ermutigen uns, die Welt anders zu sehen“. Baines liebt z.B. die Lieder der Popkünstler, weil sie es vermögen „ihre Wirklichkeit auszudrücken, auch wenn sie vorläufig, seltsam, albern, vergänglich, widersprüchlich oder auch einfach bloß bescheuert ist“. Er findet dort Überraschungen: „Ich erhaschte in den Erlebnissen und Überzeugungen einiger sehr unorthodoxer Leute Blicke auf Gott.“[11]

Einer der großen Popkünstler war Elvis Presley. Er starb mit 42 Jahren an Herzversagen. Seine Ranch ist heute samt Grab eine Touristenfalle und Geldmaschine. Wissen Sie, wie er diese Ranch genannt hat? Graceland (= Land der Gnade). Elvis ist mit Gospel aufgewachsen, hat Singen in der Kirche gelernt. Welche Gnade hat dieser Künstler, der bis heute von Fans vergöttert wird wie ein Halbgott, wohl gesucht?

Ein anderer höchst erfolgreicher Popkünstler war Michael Jackson, verheiratet mit Elvis Tochter: Er hat seine Ranch Neverland (= Niemalsland) genannt, nach dem geheimnisvollen Reich von Peter Pan, wo man nie erwachsen werden muss. Was deutet dieser Künstler damit an, der unglaublich erfolgreich und zugleich tief unglücklich war?

Wir können das Seufzen der Vergänglichkeit, das Leiden an den eigenen Irrwegen, die Sehnsucht nach einem zutiefst abgelehnten Gott auch in der Malerei, in der Literatur, in der Philosophie entdecken. Überall Spuren der Erfahrung, dass der Mensch wie eine Blume ist, die nach kurzer Zeit spurlos vergeht. Die Gnade Gottes währt von Ewigkeit zu Ewigkeit - Solidarität mit dieser Welt will ihr von dieser Gnade erzählen, damit die ganze Welt in Gott Ursprung und Ziel findet.

Der Physiker Carl Friedrich v. Weizsäcker sagt: „Die tiefste Erfahrung von sich selbst, zu der der Mensch in seiner Natur und in der Gesellschaft vordringt, lautet nicht Freiheit, sondern Ohnmacht. Die tiefste Erfahrung vom Gelingen menschlichen Lebens ist nicht eine Erfahrung von eigener Macht, sondern von Gnade. Die tiefste Erfahrung des Menschen ist nicht der Mensch, sondern Gott.“[12] Das Fazit eines weltberühmte Naturwissenschaftler: Am Ende aller Suche wird Gott gefunden, Gottes Gnade ist der Schlüssel zum Gelingen des Lebens.

Im Mai 2009 war ich in London und habe mich zum ersten Mal in die „Tate Modern“ gewagt: Ein altes Kraftwerk am Themseufer, von oben bis unten gefüllt mit moderner Kunst. Hans-Hermann Pompe und moderne Kunst haben ein durchaus gespanntes Verhältnis. Hans-Hermann sagt: „Ich will dich verstehen.“ Moderne Kunst antwortet: „Du sollst mich gar nicht verstehen.“ Hans-Hermann sagt: „Was soll dann das Ganze?“ Kunst antwortet: „Das ist dein Problem.“ Und da ist dies Gespräch dann meist zu Ende. In vielen Sälen der „Tate modern“ ging es mir so - ich landete z. B. bei einem ganzen Zimmer mit zwei Installationen von Josef Beuys. Rechts hing alles Mögliche von der Decke, um am Boden auf allerlei anderes zu treffen, links ergoss sich ein Rudel Schlitten aus einem VW-Bus. Dazwischen ging ich und wollte etwas verstehen, was sich erfolgreich dagegen wehrte.

Aber im nächsten Saal bin ich lange geblieben. Pepe Espaliu, ein spanischer Künstler meines Jahrgangs, Aids-Kranker der ersten Generation, hat 1989, wenige Jahre vor seinem Tod, eine schlichte Installation fertig gestellt[13]. Vier überdimensionale, mehrere Meter hohe Wischmops aus Bronze in Reihe, alle in einer parallelen Bewegung des Aufwischens begriffen, das Ganze gerahmt von drei Wasser-Bildern. Der Titel hat mich elektrisiert: „To an unknown God“ (einem unbekannten Gott) - ein wörtliches Zitat aus einer Predigt des Paulus in Athen (Apg 17, 23).

Da streckt einer die Sehnsüchte und Probleme seines zu Ende gehenden Lebens hoch in einen Himmel, dem er die Griffe hinhält: kein Mensch könnte vier Meter hohe Wischmops handhaben. Da ahnt ein Aids-Kranker mehr von Reinigung und Vergebung als viele Gerechte, die das nicht nötig finden: Für ein ganzes Leben braucht es weit mehr, als wir je selbst tun können. Er gestaltet diese Wischmops als bewegte, obwohl kein sichtbarer Akteur sie in den Händen hält. Bilder von lebendigem Wasser an der Wand verstärken diese zaghafte Sehnsucht nach Heilung, Reinigung und unsichtbarem Eingreifen. Die ganze Installation schreit für mich: Vertraue ich zu Recht auf die Nähe eines unsichtbaren oder unbekannten Gottes? Kennt vielleicht jemand diesen Gott? Muss er unbekannt bleiben? - Die größte Nähe zu dieser Welt hat Gott selbst geschaffen. Seine Gnade hat einen Namen: Jesus Christus (Joh 1, 14.17).

4. Die Weite der Gnade

Und noch einmal wird unser Blick geweitet: Vom Wir der Menschheit zum Lob der gesamten Schöpfung:

Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles. Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, daß man höre auf die Stimme seines Wortes! Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen,seine Diener, die ihr seinen Willen tut! Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele! (V 19 – 22)

Ich fand eine Karikatur, wo ein ehemaliger Gefangener sehnsüchtig zurück in die Zelle schaut: Er sehnt sich nach dem was er kennt – und verpasst die Weite der Freiheit. Das Kleinklein unseres Alltages, die laufenden Geschäfte von Beziehungen, Beruf und Gemeinde können wie ein Gefängnis wirken. Es gibt dann nichts anderes mehr – keine Not anderer, keine Hoffnung für die Welt. Wer Gott nur für sich denkt, wer Jesus nur auf die eigene Gemeinde beschränkt, bleibt beim Mikrokredit:  klein gedacht, eng geglaubt, wenig gehofft, eingeschränkt geliebt. Die Bibel denkt weiter: Gott will die gesamte Menschheit retten, ihn lobt das gesamte Universum. Gnade ist Gottes unbegrenzter Kredit: sie reicht viel weiter als wir ahnen.

Es gibt eine Muffigkeit, die die Weite der Gnade dringend braucht: Wie verbrauchte Luft in einem Zimmer, wo lange die Fenster zu waren. Ps 103 sagt: Bitte nicht zu klein von Gott denken. Ja, er ist an mir persönlich höchst interessiert, aber er ist nicht exklusiv für mich gedacht. Ja, Gott beruft auch die neben mir, er schafft Gemeinde Jesu. Aber selbst die Gemeinde ist nicht das Ende seiner Werke, sie ist sein Werkzeug. Sie soll der ganzen Welt das Lied der Gnade zusingen.

Und sie tut es im Konzert mit den Engeln, Mächten und Gewalten: auch in der unsichtbaren Welt loben die Engel, die Diener Gottes, seine Helfer und Boten, loben seine Werke. Bitte nicht vergessen: Gnade ist das Wesen des Schöpfers; er hat Himmel und Erde geschaffen, sein Reich herrscht über alles. Deshalb weitet der Psalm unseren Blick auf das gesamte Universum: Lobet den Herrn alle seine Werke - an allen Orten.

Der Engländer John Newton war bis 1748 Kapitän eines Sklavenschiffes - und er verdiente gut daran. Er lebte davon, dass er anderen Menschen die Freiheit raubte und sie ins Elend stürzte. Der gleiche Mann hat das wunderschöne Lied „Amazing Grace“ gedichtet: „Erstaunliche, nicht zu begreifende Gnade, die einen Schurken wie mich errettete. Ich war verirrt, dem Tod geweiht, du hast mich heimgebracht“.

Wie passt dieses Lied zum Menschenhändler? Zwischen der Sklaverei und diesem Lied liegt eine Begegnung mit Jesus: ein Schiffbruch, bei dem  ihm aufging, dass Gott Wirklichkeit ist. Voller Scham über sein früheres Leben bekämpfte er ab da den Sklavenhandel. Dass Gott jemand wie ihn gebrauchen wollte, konnte er nur als Gnade bezeichnen. Begegnung mit dem Auferstandenen ist Begegnung mit der Liebe Gottes. . "Wir ahnen nicht, was Gott aus uns machen würde, wenn wir mehr auf seine Gnade eingehen würden", sagte Ignatius v. Loyola. Psalm 103 denkt noch weiter: „Wir sollen staunen, wie sehr Gott auf uns eingeht – und was das aus uns machen wird“.

Lobe den Herrn, meine Seele, beginnt der Psalm. Genauso endet er auch. Wir wollen John Newtons berühmtes Lied von der Gnade in der schönen Neu-Übersetzung von Prof. Klaus Haacker singen[14].

 


[1] Nach Norman Rentrop, 100 Zitate für 2010, Bonn, 10

[2] Othmar Keel, Ausdrücklich Leben, Texte zur Bibel 7, Neukirchen-Vluyn 1999, 88

[3] M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Manesse Zürich 1990 (11.Aufl.), 709

[4] Nach O. Keel, aaO., 82

[5] Vollständig: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“. Der Spruch steht über der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem.

[6] Sören Kierkegaard, Christl. Reden 1848, Ges. Werke, hg. v. E. Hirsch und H. Gerdes, 20. Abt., 77

[7] Paulus in 1. Kor 11, 26

[8] Fulbert Steffensky, chrismonplus 2/2010, 76

[9] Das Wort wird der französischen Schriftsteller François Mauriac zugeschrieben.

[10] O. Keel, aaO., 90

[11] Nick Baines, In höchsten Tönen. Popsongs und Glaube, Hannover 2009, Zitate 140f

[12] Carl Friedrich von Weizsäcker in: Koeppen/Spennhoff/Wolf, Spuren des Lebens, Aussaat 1998 (3.Aufl), 147

[13] Die online-Werkinformation schreibt: „Pepe Espaliú (1955-1993) was born in Cordoba, Spain. He lived and worked in Seville, Barcelona, Paris, Madrid, New York and Amsterdam.“ Zu dem Werk: „The corporeal and the ethereal are also evident in the Spanish artist Pepe Espaliú’s To an Unknown God (1989). Four whirling bronze mops are lifted out of the ordinary by elongated handles which reach to the sky, so that they appear both transcendent and precarious. Accompanied by three pastel drawings of flowing water, Espaliú's work hints at the possibility of cleansing and healing, tempered by a sense of ambiguity and religious uncertainty.“ - zu finden unter www.tate.org.uk/servlet/CollectionDisplays

[14] „O Wunder der Barmherzigkeit“, Text z.B. in: Feiern & Loben. Die Gemeindelieder, Holzgerlingen/Kassel, 2003, Nr. 323

 

Bibelarbeit:
Pastor Hans-Hermann Pompe
Leiter des EKD-Zentrums Mission in der Region, Vorsitzender von Missionale

Musik:
Kantorin Stephanie Schlüter (Solingen) & Band;
Martin Buchholz
, Theologe, Filmemacher und Musiker, Rösrath

Moderation:
Pastor Lars Linder, Freie evangelische Gemeinde Essen-Mitte